Eis im Bart und Füße voller Blasen
Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 06. Januar 2010 um 04:25 Uhr
OSTERHOLZER KREISBLATT vom 2. Januar 2010
Eis im Bart und Füße voller Blasen
Erster Lilienthaler 100-Meilen-Lauf für die Extremsportler ein Silvestertag voller Strapazen
Von Jan Wilke
Lilienthal. Es ist sechs Uhr morgens und noch ziemlich dunkel im Sankt Jürgensland. Auf Wiesen und Wegen schimmert der
Schnee. Bei den meisten Menschen endet 18 Stunden später das alte Jahr gemütlich mit einem Glas Sekt im warmen Zuhause
oder etwas ausgelassener auf einer Party. Für die Teilnehmer des 1. X-Bionic 100-Meilen-Laufs in Lilienthal wird der Silvestertag
ganz anders aussehen. In drei Disziplinen (Halbmarathon, Marathon und 100 Meilen) treten die Teilnehmer an.
Den Anfang machen im Morgengrauen die Extremsportler. Für die Wahnsinndistanz von umgerechnet rund 161 Kilometern werden
sie vermutlich mindestens 20 Stunden benötigen. Ehrensache, dass auch Veranstalter Carsten Mattejiet an den Start geht. "Die
Bedingungen sind ideal", erklärt der dreifache Familienvater. Der frische Schnee überdeckt bei minus zwei Grad den zuvor leicht
vereisten Untergrund, was das Sturzrisiko zumindest etwas reduziert. Neben den sechs Teilnehmern der Königsdisziplin des Sil-
vesterlaufs hat auch Willy Hollatz die Laufschuhe geschnürt. Der Lilienthaler Bürgermeister gibt am Kunstcafé den Startschuss
und läuft die ersten Stunden mit. Rund acht Kilometer geht es für die Teilnehmer zunächst vom Startpunkt in Richtung Höftdeich
und anschließend wieder zurück. Was dem Durchschnittsläufer vollauf ausreicht, wiederholen Mattejiet und Mitstreiter zehnmal.
"Man muss schon laufverrückt sein und eine ganz spezielle Einstellung haben", sagt der Organisator. Es ist kurz nach zehn, als
er seine zweite Runde auf der Pendelstrecke beendet. Am Kunstcafé heißt es nun kurz runterkommen und 40 bis 50 Sekunden
durchschnaufen. Mattejiets Frau Anke reicht den Läufern warme Getränke, Bananen und Energieriegel. Noch ist die Stimmung
bestens. "Es könnte schöner nicht sein", freut sich Mattejiet. Das sieht Hauke König, der mit dem Lilienthaler vorn liegt, anders:
"20 Grad mehr dürften es ruhig sein", frotzelt der Hamburger, bevor beide wieder aufbrechen.
Sie treffen auf die Marathon- und Halbmarathonläufer, die mittlerweile gestartet sind. Gegen Kälte und Schnee haben sie sich
unterschiedlich gewappnet. Der Lilienthaler Patrick van Hall setzt auf lange Unterwäsche und ein Halstuch, dass er sich zusätzlich
um den Hinterkopf gewickelt hat. Andres Andreesen aus Wittmund hat seine Schuhe mit Paketband zugeklebt, das soll gegen die
Nässe schützen. Am auffälligsten aber ist die Kleidung von Lars Pingel: Er ist in kurzer Hose unterwegs. "Das mache ich schon
immer so. Mir frieren meist eher die Hände ein", erläutert der Mann aus Großenwörden im Landkreis Stade. Beim Schuhwerk sind
sich alle Starter einig. Spikes kommen trotz des rutschigen Geläufs nicht in Frage. Sohlen mit starkem Profil müssen es aber
sein.
Als es dämmert und sich das Jahr dem Ende nähert, sind nur noch die 100-Meilen-Läufer unterwegs - wenn auch etwas dezimiert.
Ein Starter hat nach gut 50 Kilometern aufgegeben. Es wird wieder knackig kalt. Ein starker Wind pfeift den Extremsportlern ins
Gesicht. Kleine Eisstücke kleben im Vollbart von Helmut Rosieka. Ein Grund aufzuhören ist all das nicht. Mit schnellen Schritten
nähert sich der Jahreswechsel. Wenn sich das nur auch mit dem Rennende so verhielte. Um Mitternacht sitzt Carsten Mattejiet
kurz im Warmen, um mit seiner Frau und einem Freund, der extra aus Aarhus angereist ist, das neue Jahr zu begrüßen. Wenig
später geht es auf die letzten Kilometer. Während die meisten Menschen in Lilienthal Böller und Raketen zünden, spulen die fünf
verbliebenen Läufer die restlichen Kilometer herunter. "Die Knallerei ist super anzusehen und macht einen euphorisch", sagt
Mattejiet. Bei Hauke König weicht die Euphorie jedoch schnell dem Schmerz. Nach 129 Kilometern muss er aufgeben, er hat das
Tempo zu früh angezogen. Auch Mattejiet kämpft. Es hat sich wieder eine Eisschicht auf den Wegen gebildet, der Wind macht
den vier verbliebenen Gladiatoren mächtig zu schaffen. Schlimmer noch: An Mattejiets Füßen haben sich Blasen gebildet und acht
Fußnägel gehen verloren. "Da muss man durch. In solchen Momenten setzt du dir kleine Ziele: die nächste Kurve oder das warme
Gebäude. Kopfkino hilft unheimlich", erklärt Mattejiet seine Durchhaltestrategie.
Es hat schon etwas Heroisches, als der Extremsportler um 2.43 Uhr als Sieger ins Ziel kommt. Seine Bestzeit über 100 Meilen
hat er damit um gut eine Stunde verbessert. Hundemüde ist er und mit der Veranstaltung hochzufrieden: "Das Feedback war un-
heimlich positiv, allen hat es Spaß gemacht." Was für ein Jahreswechsel!
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